Italienisch, ti amo

Ein Gefühl wie am ersten Schultag.

Um mich herum werden Bücher ausgepackt, Bücher, deren Inhalt ich zu 90 Prozent nicht verstehe. Noch nicht verstehe, denn darum bin ich ja hier: um zu lernen. Genauer: um Italienisch zu lernen.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal an etwas wirklich Neues herangewagt habe, an etwas, das ich nicht beherrsche. Auch wenn wir gerne so tun, als wäre es anders: Je älter wir werden, desto mehr Dinge beherrschen wir und die Bereitschaft, etwas Neues zu lernen, nimmt eher ab. Besser, man hält sich an das, was man kann.

Italienisch lernen wollte ich schon seit Jahren. Irgendetwas kam aber immer dazwischen. Keine Zeit. Keine Motivation. Kein Platz im Kurs. Kein fester Wohnsitz. Letztes Jahr im Frühling wurde mir plötzlich bewusst: Es gibt keinen Grund mehr, Italienisch nicht zu lernen. Ich bin in Berlin sesshaft geworden, die Volkshochschule ist direkt um die Ecke, Abendkurse für Berufstätige werden angeboten.

Jeder korrekt ausgesprochene Satz ein Triumph

Also sitze ich wenige Wochen später mit einer großen Anzahl verschiedenster Menschen in einem Raum der VHS-Schöneberg. Da gibt es das Studentenpaar Lukas und Franzi. Die modisch experimentierfreudige ältere Dame, deren Stifte farblich auf ihre Handtasche abgestimmt sind. Den wichtig aussehenden Business-Mann, im Schlepptau seine 17-jährige, unmotivierte Tochter. Die Sekretärin im sogenannten „besten Alter“, für die Italienisch die erste Fremdsprache ist. Und es gibt mich, aufgeregt, nervös, aber glücklich.

Wenn man beginnt, eine Sprache zu lernen, gibt es plötzlich ganz viele erste Male. Das erste Mal die Begrüßung in einer Fremdsprache bewältigen. Das erste Mal merken, dass es doch ganz schön viele Wörter gibt, die man in dieser Sprache bereits kennt. Das erste Mal versuchen, einen zusammenhängenden Text zu schreiben. Das erste Mal hören, wie ein bestimmtes Wort ausgesprochen wird.

Als ich begann, Italienisch zu lernen, fing ich gleichzeitig an, ein Buch zu schreiben. Ich dachte, das würde nicht besonders gut zusammenpassen. Arbeit, Buchschreiben und dann noch eine völlig fremde Sprache. Heute weiß ich: Das passt erstaunlich gut zusammen. Wenn ich stundenlang frustriert an einem Absatz saß und nicht weiterkam, fühlte sich abends im Italienischkurs jedes richtig konjugierte Verb, jeder korrekt ausgesprochene Satz, umso mehr wie ein Triumph an. Wenn ich im Italienischkurs auch nach der dritten Erklärung nicht verstanden hatte, welchen Sinn eine spezielle Grammatik-Regel hat, fühlte sich mein Kopf dennoch am nächsten Morgen klarer an – und ganze Buchseiten schrieben sich von alleine. Natürlich, manchmal kriegte ich es nicht hin, auch nur einen sinnvollen Satz zu schreiben und verstand im Unterricht zusätzlich nur Bahnhof.

Zeit zum Lernen schaffen

Ich dachte, eine neue Sprache zu lernen, würde Stress bedeuten, noch eine zusätzliche Arbeit, die ich mir aufhalse. Tatsächlich hilft Italienisch mir aber dabei, meine anderen Arbeiten besser zu machen. Weil ich mich einmal in der Woche ganz auf etwas konzentriere, das nichts mit dem zu tun hat, womit ich mich sonst beschäftige. Weil ich ganz neue Interessensgebiete entdecke. Weil ich merke, dass Herausforderungen mir immer noch Spaß machen.

Ja, mit dem Lernen an sich tue ich mir schwer. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass ich Zeit zum Lernen schaffen muss – und mir oft genug einbilde, diese Zeit hätte ich nicht. Oder andere Dinge seien wichtiger. Es fällt mir nicht mehr so leicht wie noch vor ein paar Jahren, Vokabeln zu lernen, Grammatik zu wiederholen. Mein Gehirn ist an diese Art des konkreten Lernens offenbar nicht mehr gewöhnt. Es ist bequem geworden, faul. Trotzdem. Ich mache weiter. Momentan ohne Kurs, aber mit Lernmaterialien zu Hause.

Und die ersten Male gehen weiter. Das erste Mal auf Anhieb verstanden, was die schnell sprechenden Italiener auf der Übungs-CD sagen. Das erste Mal dabei ertappt, wie ich in meinem Kopf einen imaginären Dialog auf Italienisch führe. Das erste Mal eine CD einer italienischen Sängerin gekauft. Außerdem gibt es so viele Dinge, auf die ich mich noch freuen kann, denen ich entgegenfiebere: Mehr Zeitformen als zwei (Gegenwart und einfache Vergangenheit) zu beherrschen. Einen Interrail-Trip durch Italien zu machen. Ein Buch auf Italienisch zu lesen.

Ein Gefühl wie am ersten Schultag. So schnell werde ich das wohl glücklicherweise nicht los.

Bild: CC BY NC-ND Flickr/Gianfranco Goria

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