Bildet Banden! Ein Plädoyer gegen die Vereinzelung (Vortrag am 6. März 2018)

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Vortrag auf der Soirée der DGB Frauen „Gleichstellung in drei Akten. Gestern, heute, morgen. Die Rolle der Gewerkschaften“ zu 100 Jahren Frauenwahlrecht (6. März 2018, Sophiensaele Berlin)

Als ich für diese Veranstaltung recherchierte – und mit „recherchieren“ meine ich, ich habe den Namen „Emma Ihrer“ bei Google eingegeben – als ich also recherchierte, merkte ich schnell, dass Emma Ihrer und ich nicht viel gemeinsam haben. Als gelernte Hutmacherin war sie eindeutig handwerklich begabt, während ich nur ein bisschen häkeln kann und die Maschen dann auch noch so eng mache, dass sich das Endergebnis höchstens als Topflappen eignet. Emma Ihrer war mit einem Apotheker verheiratet – die einzige persönliche Beziehung, die ich zum Gesundheitswesen aufweisen kann, ist eine meiner besten Freundinnen, die als Zahnärztin arbeitet.

Und doch fühle ich mich Emma Ihrer verbunden, denn offensichtlich gab es bei uns beiden einen Moment im Leben, in dem es Klick gemacht hat. In dem wir den Feminismus entdeckten, auch wenn der Begriff zu Emma Ihrers Zeiten noch nicht so gebräuchlich war. Aus Emma Ihrer ist eine engagierte Gewerkschafterin, Sozialistin und Frauenrechtlerin geworden – aus mir zum Leidwesen meiner Eltern eine freiberufliche Journalistin und Autorin. Ich könnte mir vorstellen, dass Emma Ihrer manchmal genauso genervt war von ihrem feministischen Dasein, wie ich es manchmal heute von meinem bin. Denn dieses Dasein kann ganz schön anstrengend sein. Ich wette, Emma Ihrer hat sich mehr als einmal gefragt: „Warum genau mache ich das hier nochmal? Ach ja, weil ich nicht anders kann.“ Die Sache mit Feminismus ist ja diese: Wenn man einmal die Welt durch die feministische Brille betrachtet hat, ändert sich die eigene Sicht nachhaltig. Man kann nicht ent-sehen, was man gesehen hat.

Die feministische Erleuchtung

Zumindest ging es mir so. Als ich mit knapp 18 Jahren entdeckte, dass es Feminismus gibt, gingen mir die Augen auf. Ganz viele Dinge, die ich vorher nicht verstehen und einordnen konnte, ergaben plötzlich Sinn. Da war zum Beispiel der Sportlehrer, der mich nicht nur dafür lobte, dass ich Liegestütze so gut machte wie ein Junge, sondern der im Sommer die Jungs nach dem Unterricht noch länger auf dem Sportplatz Fußball spielen ließ – während die Mädchen zum Umziehen in die Umkleide geschickt wurden. Da war der Lehrer, der im Sozialwissenschaftsunterricht mal zu mir sagte: „Ja Julia, keine Karriere machen, lieber Kinder und Familie!“ Meine Mutter traf die Frau dieses Lehrers übrigens mal durch Zufall und erhielt von ihr folgende Einschätzung ihres Mannes: „Manchmal ist er einfach etwas komisch.“ Komisch, in der Tat. Komisch fand ich auch, dass auf dem Schulhof über eine Schülerin, die ein, zwei Klassen über mir war, immer gesagt wurde, sie sei eine Schlampe. Angeblich hatte sie mit so ziemlich jedem Typen an der Schule geschlafen und mehrere Abtreibungen hinter sich. Meine Freundinnen und ich waren uns einig, dass das echt „billig“ und „schlampig“ von ihr war.

Aber dann kam meine feministische Erleuchtung in Form der französischen Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir. Ich las ihr emanzipatorisches Standardwerk Das andere Geschlecht – und es machte Klick. Ich merkte plötzlich, dass „Du machst Liegestütze wie ein Junge“ im Prinzip kein wirklich tolles Kompliment ist. Eigentlich ist es überhaupt kein Kompliment – meine Liegestütze waren so gut, dass sie ihre eigene Komplimente-Kategorie verdient hätten! Warum genau mussten wir Mädchen uns umziehen, während die Jungs auf der Wiese dem Fußball hinterherrannten? Vielleicht hätten wir ja auch gerne mitgespielt! Kinder und Karriere? Sollte uns die Schule nicht eher auf letzteres vorbereiten? Auch die Diskussion über meine vermeintlich „schlampige“ Mitschülerin kam mir nun irgendwie seltsam vor – es mochte ja sein, dass sie mit vielen Jungs geschlafen hatte. Aber warum wurde sie dafür fertig gemacht – und die Jungs für ihre „Eroberung“ sogar gefeiert? Plötzlich hatte ich jede Menge Fragen und fand bei Beauvoir erste Antworten. Nicht alle, aber ein paar.

Unterwegs als Spaßverderberin

Feminismus öffnet also die Augen, aber mal ehrlich: Er zerstört auch ziemlich viel. Und damit meine ich nicht das Patriarchat – das hoffentlich auch, irgendwann. Nein, ich meine vormals simple Vergnügungen wie Germany’s Next Topmodel. Kann ich, seit ich Feministin bin, nicht mehr gucken. Sie wissen schon: problematisches Frauenbild, Beförderung von Körperwahn und Essstörungen. Das Ergebnis ist, dass ich eine dieser feministischen Spaßverderberinnen bin, von denen man immer in diesem Internet liest.

Das Ding ist aber: Als Feministin muss man manchmal die Spaßverderberin sein. Sonst ändert sich nämlich nichts. Auch Emma Ihrer war eine Spaßverderberin, und eine sehr erfolgreiche noch dazu. Sie war unbequem, ist anderen auf die Nerven gegangen und hat so ein Problembewusstsein geschaffen. Sie hat sich Gehör verschafft. Sich hörbar zu machen ist heute angeblich total einfach: Es gibt ja die sozialen Medien, man kann schwuppdiwupp eine Petition ins Leben rufen oder online im Kommentarfeld unter Artikeln mal so richtig seine Meinung sagen. Ist also alles total easy. Wirklich?

Sich Gehör verschaffen

Natürlich nicht. Gerade für Minderheiten und Frauen – und Frauen sind ja, wie wir wissen, die größte Minderheit, die keine ist – ist es immer noch schwer, sich Gehör zu verschaffen. Gehört zu werden. Denn auch im Jahr 2018 finden es viele Menschen – ähem, Männer – skandalös, wenn Frauen überhaupt ihren Mund aufmachen. Und das gilt nicht nur für Frauen, die es wagen, im Fernsehen Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft zu kommentieren. Ich habe ja die Vorstellung, dass viele Männer, sobald Frauen den Mund aufmachen, nur sowas hören wie: [Störgeräusch]. Frauen können laut und deutlich sprechen und werden doch meistens nicht gehört. Das macht es ihnen natürlich nicht leichter, ihre Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Auch Emma Ihrer musste erst lernen, ihre Stimme einzusetzen, für ihre Anliegen zu werben. Öffentlich. Laut. Eines hat sie aber schon sehr früh verstanden: Dass das besser klappt, wenn Frauen sich zusammentun. Dass man gemeinsam stark ist. Ihrer ist eben nicht nur Frauenrechtlerin gewesen, sondern auch Gewerkschafterin: Der Kampf für Arbeiterinnenrechte und Frauenrechte war bei ihr derselbe. Sie suchte sich Verbündete und kämpfte für eine Verbesserung der wirtschaftlichen, der gesellschaftlichen und der politischen Lage der Frauen. Alles gleichzeitig, weil für sie alles zusammenhing und sich gegenseitig beeinflusste.

Frauen sind verschieden, Feministinnen auch

Dabei musste Emma Ihrer allerdings auch feststellen: Frauen sind nicht automatisch Verbündete und sie haben nicht automatisch die gleichen Interessen und Ziele. Die Frauen gibt es nicht. Genauso wenig wie die Feministinnen. Außer, dass natürlich alle Feministinnen Männer hassen, staatliche Institutionen mit ihrer Agenda infiltrieren, sich immer nur als Opfer inszenieren und Vergewaltigungsvorwürfe massenhaft erfinden. Außerdem sind sie generell unlustig, haarig, hysterisch und sexuell unbefriedigt. Wirklich, das sind die Grundvoraussetzungen, um Feministin zu werden.

Was ich sagen will: Frauen sind verschieden. Feministinnen auch. Und das ist ganz wunderbar, denn alles andere wäre furchtbar langweilig. Weil Frauen und Feministinnen aber so unterschiedlich sind, ist es manchmal nicht so leicht, sie für ein gemeinsames Anliegen zusammenzubringen. Das hat schon Emma Ihrer erfahren, das gilt auch heute noch. Dabei ist es immer besser, sich zusammenzutun und gemeinsam zu kämpfen! Männer haben das schon längst begriffen, Männer tun sich seit tausenden von Jahren zusammen, um gemeinsam Krieg zu führen. Echte role models, diese Männer.

Wenn der Groschen fällt

Ich muss gestehen, dass auch ich ein bisschen gebraucht habe, bis mir bewusst geworden ist, warum das mit dem „sich zusammentun“ so wichtig ist. Kein Wunder, ich bin ja eine Frau und Feministin und deshalb die meiste Zeit wahlweise hysterisch oder damit beschäftigt, Männer zu hassen – da bleibt nicht viel Zeit für anderes und es braucht schon ein bisschen länger, bis der Groschen fällt.

Doch der Groschen fiel, und zwar bei meinem Eintritt ins Berufsleben. Als ich nach der Uni meinen ersten richtigen Job in einer Redaktion antrat, gab es gar keine Gelegenheit, mich in freudiger Gemeinsamkeit mit anderen Frauen zusammenzutun – ich war nämlich schnell allein unter Männern. Und musste dann feststellen, dass die angekündigten Sparmaßnahmen, neben den obligatorischen Kündigungen, einzig und allein mein Gehalt betrafen. Außerdem wurde meine Arbeitszeit gekürzt, ohne dass ich darum gebeten hatte – dass mein Vater nun anfing, erbauliche Vorträge zum Thema Altersarmut und Altersvorsorge zu halten, trug nicht positiv zur Stimmung bei. Ich fühlte mich allein und hilflos und dachte gleichzeitig: So ist das eben, das Arbeitsleben. Hast du eben mehr Zeit, dein Buch zu schreiben.

The sky is the limit! Oder?

Ich tat also: nichts. Heute ärgere ich mich über mich selbst – und ärgere mich dann darüber, dass ich mich über mich ärgere. Denn es geht ja hier nicht um mein individuelles Problem, sondern um Strukturen, die Frauen benachteiligen und diskriminieren. Hätte ich zu meinem Chef gehen und mit Kündigung drohen können? Klar. Hätte ich bei den Kollegen um Unterstützung bitten können? Klar. Aber ich war allein, wollte meinen Job behalten und hatte Angst vor den Konsequenzen, sollte ich tatsächlich meinen Mund aufmachen.

Ich glaube, in unserer durchindividualisierten neoliberalen Gesellschaft geht es vielen jungen Frauen so wie mir. Wir versuchen, uns irgendwie durchzuwurschteln, irgendwie klarzukommen. Uns wurde eingeimpft, dass wir „unseres eigenen Glückes Schmiedinnen“ sind. The sky is the limit! In Frauenzeitschriften sehen wir Modestrecken zum Thema Businessmode, in praktischen Info-Kästen finden wir Tipps zu Gehaltsverhandlungen. Du kannst, wenn du nur willst, schallt es uns entgegen – ach ja, aber dabei solltest du schon dieses Make-Up tragen, das nicht zu aufdringlich ist und Professionalität ausstrahlt.

Wir sind immer schuld

Und so schmieden wir unser eigenes Glück und merken manchmal gar nicht, was für ein riesen Schwindel das alles ist. Von struktureller Diskriminierung und Sexismus ist in den tollen „Du schaffst das schon“-Artikeln nämlich selten die Rede. Auch nicht davon, dass der Gender Pay Gap sich nicht wegschminken lässt, oder dass ein gut sitzender Hosenanzug nichts daran ändert, dass wir doppelt so viel leisten müssen wie die männlichen Kollegen, bis der Chef überhaupt bemerkt, dass wir existieren. Stattdessen wird uns weisgemacht, alles was zähle, seien Leistung und der Wille zum Erfolg. Dann klappt das schon! Und wenn nicht? Dann haben wir wohl das verkehrte Outfit oder einen zu auffälligen Lidschatten gewählt. In jedem Fall sind wir schuld, denn wir haben etwas falsch gemacht. Wenn wir scheitern, dann scheitern wir alleine.

Kein Wunder also, dass es Frauen manchmal so schwer fällt, solidarisch mit anderen Frauen zu sein, sich zusammenzuschließen. Viele von uns haben schlicht und einfach das Gefühl, wir müssten da alleine durch. Wir kennen es gar nicht anders, wir wissen nicht, dass es eine Alternative zum Einzelkämpferinnentum gibt. Wir verdrängen, dass es hier um die Gesellschaft als Ganzes geht, um Strukturen. Wir lassen uns vereinzeln. Hinzu kommt, dass Frauen meiner Generation mit den Errungenschaften der Frauenbewegung aufgewachsen sind. Wir haben viele Rechte, weil sie für uns und vor uns erkämpft wurden. We live it because they did it! Da ist es leicht, ein bisschen bequem zu werden, sich zurückzulehnen und trotz der offensichtlichen Missstände zu denken: „Läuft doch.“

Mehr als nur ein Kreuzchen

Was wohl eine Emma Ihrer heute davon halten würde? Ich denke ja, sie wäre ein bisschen irritiert. Sie hat für das Frauenwahlrecht gekämpft – und müsste heute feststellen, dass viele junge Frauen darauf verzichten, dieses Recht zu nutzen: Frauen Mitte 20 haben die niedrigste Wahlbeteiligung. Emma Ihrer käme das sicher seltsam vor, denn für sie und ihre Mitstreiterinnen stand das Frauenwahlrecht schließlich für so viel mehr als nur ein Kreuzchen auf dem Wahlschein: Es war ein Statement, dass Frauen ernst genug genommen wurden, die Belange des Staates mitzubestimmen. Es war ein Recht auf Teilhabe, am öffentlichen und politischen Leben und ein Katalysator für weitere Veränderungen.

Klar, ich mache aus dem Gang zur Wahlurne keinen heiligen Akt und ich starre meinen Wahlzettel auch nicht voller Glück an und denke: Hurra! Aber es kann schon nicht schaden, sich zwischendurch mal daran zu erinnern, dass Rechte auch gewisse Verpflichtungen mit sich bringen. Die Verpflichtung, seine Stimme zu nutzen – gerade heute, wo eine Partei im Bundestag sitzt, die offen für ein antiquiertes Frauen- und Geschlechterbild wirbt und viele Errungenschaften der Frauenbewegung am liebsten rückgängig machen würde. Darunter auch das Frauenwahlrecht – auch wenn diese Forderung angeblich als sarkastische Provokation gemeint war. Kleiner Hinweis: Wenn niemand Ihren Sarkasmus versteht, sollten Sie sich eine andere Kommunikationsstrategie überlegen. Oder vielleicht einfach aufhören, Blödsinn zu reden.

Rechte von Frauen sind wieder verhandelbar

Ich glaube, Emma Ihrer würde sich freuen, was in den Jahren seit ihrem Tod 1911 alles erreicht wurde. Sie würde aufmerksam die MeToo-Debatte verfolgen und vielleicht sogar an einem der Women’s Marches teilnehmen. Aber sie würde auch zur Wachsamkeit mahnen, sie würde uns davor warnen, bequem zu werden. Wir dürfen nicht vergessen: Gleichberechtigung wird uns nicht gegeben wie eine Käseprobe im Supermarkt. Sie muss erkämpft werden. Und die Sache ist die: Wir müssen nicht nur für die Rechte kämpfen, die wir haben wollen, sondern wir müssen auch darum kämpfen, die Rechte zu behalten, die wir bereits haben. Denn die Rechte von Frauen, die Rechte von Minderheiten, sind heute wieder verhandelbar. Sie sind ganz und gar nicht selbstverständlich.

Für unsere Rechte können wir am besten gemeinsam kämpfen. Wir können auf Emma Ihrer schauen, die aus ihrer individuellen Situation heraus kollektiv gehandelt hat. Die begriffen hat, dass man Banden bilden muss, um wirklich gehört zu werden. Das Motto der britischen Suffragetten lautete „Taten statt Worte“, aber Emma Ihrer wusste, dass auch Worte Waffen sein können. Sie wusste, dass Worte umso mächtiger sind, wenn sie von vielen gemeinsam gesprochen werden, wenn man zusammen statt alleine kämpft. Für gerechte Löhne. Für flexible und moderne Arbeitszeitmodelle. Gegen strukturelle Diskriminierung. Gegen Sexismus.

Über Emma Ihrer heißt es, dass sie der Zukunft ein Stück vorauslebte. Und dieses Vorausleben, dieses Hinausdenken über das Gegebene: Das ist nötig, wenn sich etwas verändern soll.

© 2018 // Julia Korbik

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