Merci, Simone: Ein persönlicher Nachruf auf Simone Veil

Ein Sonntag vor zweieinhalb Wochen. Ich sitze auf meinem Berliner Sofa, Tee in der Hand, französischen Radiosender im Ohr. Live-Übertragung. Ich will diesen Tag, dieses Ereignis nicht verpassen: Die Überführung der sterblichen Überreste Simone Veils ins Panthéon.

Veil, diese französische Ausnahmefrau, Holocaust-Überlebende, Politikerin, Frauenrechtlerin. Veil, die vor ziemlich genau einem Jahr starb, mit 89 Jahren, und der nun als fünfte Frau überhaupt die Ehre zukommt, in der Pariser Rumeshalle, dem Panthéon, beigesetzt zu werden. Nach der Chemikerin und Physikerin Marie Curie ist Veil außerdem erst die zweite Frau, die dort aufgrund eigener Leistungen beerdigt wurde – die anderen Frauen waren lediglich Begleiterinnen ihrer Ehemänner. Wie gesagt: Veil war eine Ausnahmefrau. Sie bleibt es auch nach ihrem Tod.

Bestseller: „Und dennoch leben“

Ich begegnete der Französin das erste Mal 2007. In Lille, Frankreich. Ich hatte dort gerade mein Studium begonnen, musste die ersten Referate halten. Alles war neu, aufregend, anstrengend. Furchteinflößend. Im Seminar „Deutsch-französische Beziehungen“ wurde uns eine Liste mit möglichen Referatsthemen präsentiert. Bei Interesse sollten wir die Hand heben. Ich hob meine Hand bei „Simone Veil“. Vielleicht, weil in dem großen Buchladen, in dem ich viel Zeit verbrachte, ihr Gesicht von Plakaten und Stellwänden blickte. Vielleicht, weil ich wissen wollte, welche Person zu diesem Gesicht gehörte.

Dass Simone Veil in diesem französischen Herbst so allgegenwärtig war, war kein Zufall: Ihre Autobiografie „Une Vie“ (deutsch: „Und dennoch leben“) war gerade erschienen und sofort zum Bestseller avanciert. Ich hob also meine Hand, ohne auch nur das Geringste über Simone Veil zu wissen. Aber da war dieses Bild in meinem Kopf, das Bild, das auf dem Buchcover abgedruckt war: Eine junge, schöne Frau, die dem Betrachtenden seitlich zugewendet ist und ihm in die Augen blickt. Würdevoll. Mit einem angedeuteten Lächeln.

Überlebende des Holocaust

Meine französische Referatspartnerin Magali wusste alles über Simone Veil. Natürlich. Veil war, schon vor Erscheinen ihrer Autobiografie, ein Nationalheiligtum. Magali hatte die Autobiografie längst gelesen. Natürlich. Sie lieh mir das nicht gerade schlanke Werk. An manchen Stellen kämpfte ich – mit Vokabeln, Ausdrücken. An manchen Stellen schluckte ich – die Beschreibungen von Auschwitz, der so unfassbare Horror. „Une vie“ wird auf immer eines der Bücher bleiben, das mich am meisten geprägt hat. Nicht nur wegen dem, was darin stand. Sondern auch deshalb, weil ich es in einer bestimmten Zeit las, in einer bestimmten Phase meines Lebens. Mein Leben in Frankreich, es war ganz früh und ganz fest mit der Person Simone Veils verknüpft.

Diese Frau beeindruckt. Durch das, was sie war, durch das, was sie geleistet hat. Als Simone Jacob 1927 in Nizza in eine jüdische Familie hineingeboren, wurde Simone Veil 1944 von der Gestapo verhaftet und zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Madeleine nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Veils Schwester Denise, in der Résistance aktiv, wurde in Ravensbrück interniert, ihr Vater sowie ihr Bruder Jean wurden nach Litauen deportiert. In Auschwitz erhielt Veil die Häftlingsnummer 78651 – eine Tätowierung, die sie bis zu ihrem Tod auf der Haut trug. Veil überlebte nicht nur acht Monate in Auschwitz, sondern auch den Todesmarsch 1945, von Auschwitz nach Bergen-Belsen. Von der Familie Jacob überstanden nur die drei Schwestern den Holocaust – Veils Mutter starb in Bergen-Belsen an Typhus, von Vater und Bruder fehlte jede Spur.

Der Kampf für Abtreibung

Nach Ende des Krieges studierte Veil in Paris Jura und Politikwissenschaften, arbeitete danach als Juristin. 1974 berief der neugewählte Präsident Valérie Giscard d’Estaing sie als Gesundheitsministerin in seine Regierung. Veil wurde zur zweiten Frau, die in Frankreich ein Ministeramt bekleiden durfte. Als Politikerin definierte Veil sich weder als rechts, noch als links – sondern lieber als Pragmatikerin. Bei einigen Themen sei sie eher rechts, bei anderen links, so ihre Einstellung. 1979 wechselte Veil ins Europaparlament, wurde seine erste Präsidentin. Die europäische Einigung, die deutsch-französische Zusammenarbeit, sie waren Herzensangelegenheiten dieser Frau, die am eigenen Leibe erfahren hatte, was es bedeutet, wenn Menschen andere Menschen bekriegen, einander mit Hass und Missachtung begegnen. Simone Veil war überzeugte Europäerin – trotz allem, oder vielleicht gerade deswegen.

Eine überzeugte Europäerin, ja, und eine ebenso engagierte Kämpferin für Frauenrechte. Als Gesundheitsministerin sorgte Veil dafür, dass Schwangerschaftsabbrüche in Frankreich legalisiert wurden. Es war kein Anliegen, das sie sich ausgesucht hatte, vielmehr wurde es 1974 von Giscard d’Estaing an sie herangetragen. Mit ihrer üblichen Gründlichkeit arbeitete Veil sich in das Thema ein, bildete sich eine Meinung und legte schließlich in einer leidenschaftlichen Rede in der Assemblée Nationale dar, warum es das Recht auf Abtreibung geben müsse: „Als Frau bin ich davon überzeugt – leider sage ich dies vor einer fast nur aus Männern bestehenden Versammlung –, dass sich keine Frau leichten Herzens einer Abtreibung unterzieht. Man muss nur den Frauen zuhören.“ Die darauf folgenden teils sexistischen, teils antisemitischen Beschimpfungen der Abgeordneten ertrug Veil stoisch und machte sich konzentriert Notizen. Das Gesetz, mit dem Abtreibung in Frankreich legalisiert wurde, trat 1975 in Kraft. Noch heute ist es als „Loi Veil“, als Veil-Gesetz bekannt.

Der Kampf geht weiter

Der französische Radiosender, der die Beisetzung Simone Veils im Panthéon live überträgt, interviewt einige der Besucherinnen. Es sind ältere Frauen, die in den 1970ern mitbekommen haben, wie Veil für sie, die Frauen, kämpfte. Einige von ihnen sind zu Tränen gerührt. Eine junge Frau spricht, sie sagt, auch heute müsse man Veil dankbar sein für das, was sie für Frauen getan hat. Die Frauen im Radio, ob alt oder jung, sie alle sagen: „Merci, Simone“.

Ich höre zu, alleine auf meinem Berliner Sofa und sage es plötzlich ebenfalls laut vor mich hin: Merci, Simone. Danke für deinen Mut, deine Kraft, deine Überzeugung. Es sind Frauen wie Simone Veil, die für andere Frauen gekämpft haben – und die uns daran erinnern, dass wir gewisse Errungenschaften nicht als selbstverständlich hinnehmen sollten. Im Jahr 2018 diskutieren wir in Deutschland wieder über Abtreibung, über das Recht von Frauen, über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Ein hochemotionales Thema, ein Thema, das berührt, das spaltet. Ein Thema, das zeigt, dass die Kämpfe, die Frauen wie Simone Veil geführt haben, ob in Frankreich oder anderswo, weitergehen. Merci, Simone: dafür, dass du mich, dass du uns, nicht vergessen lässt.

Der Text erschien zuerst auf vorwaerts.de

Bild: CC-BY-NC-ND Flickr/European Parliament

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